Umweltschutzgruppe Physik-Geowissenschaften


KONKURSE 2

15 Jahre Hamburger Umweltbehörde - Nummer 2 Dezember 1993

Konkurse1a.jpg Konkurse('88) Download(PDF)

Konkurse2a.jpg Konkurse 2('93) Download(PDF)

Konkurse3.jpg Konkurse 3('98) Download(PDF)
[Web-Version]

Grauenvoll

Bleiern grau lag dieser Morgen vor ihm. Ein leichter Nieselregen trällerte gegen die Scheiben und ließ die Welt durch die klebrigen Schlieren noch trübseliger aussehen, als sie nach dem Gefühl schon war. Dumpfes Pochen im Hinterkopf, ein feines Singen im Ohr.

Fritz blickte sich um.

Scheinbar normal dieser Morgen, dachte er, und doch!

Ein drückendes Gefühl in der Magengrube sagte ihm, daß es kein schöner Tag werden würde.

Er schüttete die Tasse Kaffee in sich hinein und warf sich in seinen Jogginganzug - Modell Ibiza-Yachtklub - und eilte hinaus. Die grellen Farben seines Aufzugs waren das einzige leuchtende Signal an diesem Vormittag.

Er ließ sich in den Rücksitz seines Dienstbenzes fallen. Sein Fahrer schloß rücksichtsvoll die Tür und ahnte bereits "Bloß kein falsches Wort jetzt!"

50 Meter vor dem Büro hielt der Wagen. Schweiß aus der mitgebrachten Wasserflasche auf Stirn und Anzug aufgetragen, und dann raus.

Noch 40 Meter, dann wartete das Ziel. Wieviel Passanten würden ihn heute erkennen?

Noch 10 Meter - noch 5, dann war er da.

Er blickte sich um - niemand nahm Notiz. Ein alltäglicher Morgen. Er wußte es bereits. Ärgerlich fuhr er mit dem Fahrstuhl nach oben und wechselte in den eleganten Nadelstreifen. Der Ledersessel ächzte leise als er sich hineinwarf. Unschlüssig kramte er in der Bauchschublade.

Das Telefon klingelte. Lore Müller, seine Sekretärin bestellte ihm einen dringenden Anruf von W17.

"Später!"

"Wer zum Teufel, ist W17?", dachte er.

Sein Blick fiel auf den Pressespiegel. Er blätterte.

WIDERSTAND IN ALTENWERDER

"Der Förderverein Rettet die Elbe der Umweltschutzgruppe Physik/Geowissenschaften ..."

Er schleuderte den Stapel Papier in die Ecke. Er mochte, konnte und wollte darüber nichts mehr hören und sehen. Alles mußten sie mies machen, diese eh..., diese - ach egal.

Telefon.

Wieder W17.

"Ich sagte doch: Später!" Er hatte so früh keine Muße für die kleinen Nöte seiner Untergebenen. Soll sich gedulden.

Er drückte die Sprechtaste zu Frau Müller, während die andere Hand unruhig mit dem Bleistift trommelte.

"Hat sich Hartmut gemeldet?"

"Noch nicht? - Hm!"

W17 will sich nicht abschütteln lassen. Es sei wichtig, sehr wichtig.

"Also gut, stellen Sie durch"

"Ja, W17, was gibt's so dringendes? Sie stören in einer wichtigen Konferenz. Machen Sie es kurz!"

Er war ungehalten.

"Guten Morgen, Sir! Ich hoffe ich störe Sie nicht allzu.."

"Was gibt es? Kommen Sie zur Sache!"

"Köhlbrandhöft, Sir"

"Ja?"

"Eines von den Eiern, Sir"

"Ja, ja, ja?"

"... ist umgefallen!"

Sekundenlange Stille

"Sir!?"

"Nochmal!"

"Faulturm 9, auf Köhlbrandhöft Süd, Sir, ist umgefallen. Heute morgen. 7 Uhr 26. Sonst nichts weiter passiert. Es stinkt nur ein bischen. Wir wissen noch nicht viel mehr, Sir. Der Nachtpförtner meinte aber, auch seine Kaffeetasse sei so gegen halb acht einfach umgekippt und hätte einen Fleck auf seine Hose.. "

"Hat die Presse schon?"

"Nein, noch nicht"

Fritz legte auf.

Sprechtaste.

"Schicken Sie mir den Pressesprecher. Wie heißt er noch, der ..., der ..., na Sie wissen schon"

"Was heißt - Noch nicht da? Ist doch schon Kernzeit".

Fritz mochte diesen Morgen nicht. Das Wetter und die Vorgänge paßten zu seiner Stimmung. Hätte er sich bloß nicht mit den Leuten von diesem Linksblättchen eingelassen.

"Na gut, geben Sie mir den Staatsrat"

Das Telefon surrte.

"Moin! Sagen Sie, was ist los im Klärwerk? Gehen Sie der Sache mal auf den Grund."

Fritz lehnte sich zurück. Das Pochen im Hinterkopf ließ nicht nach. Er ließ sich ein Glas Wasser bringen und warf eine Aspirin hinein.

Telefon. W12 - Amt für Wasser und Boden, oder so ähnlich.

"Ärger an den Notbrunnen in Stellingen. Scheinbar versiegt. Wir pumpen wie die Blöden. Aber es kommt kein Wasser mehr."

"Machen Sie keinen Quatsch, W12! Da muß Wasser sein. Verstehen Sie! Da muß!, MUSS!!

Sehen Sie zu daß Sie die Pumpen wieder in Gang kriegen! Verstanden?!"

Er wirbelte mit den Händen, als wollte er die Sache selbst am Schreibtisch erledigen. Eine unachtsame fahrige Bewegung fegte das Aspiringlas vom Tisch. Nun war der Jogginganzug, der noch neben dem Schreibtisch lag, erst recht naß. Igitt. Wütend warf er den Hörer auf die Gabel.

Sprechtaste.

"Ist denn dieser.., wie heißt er noch? immer noch nicht da? Herrgott Sakra! - Was? - Nein, das war keine Anweisung. - Da ist noch jemand in der Leitung? Wer? - Oh!, ja, stellen Sie durch."

Fritz rutschte auf dem Sessel nach vorn.

"Oh guten Morgen Herr Vorstandsvorsitzender. Einen schönen guten Morgen wünsche ich. - Wie? Nein, das hat noch Zeit. Wir werden die Auflagen für Abflußrohr 67 noch einmal um 80 Prozent zu Ihren Gunsten anheben. Ist das so recht? - Nein? - 140 Prozent? - Ja gut, geht in Ordnung. Sonst läuft alles gut bei Ihnen? - Wie, Eine Schute mit Wirtschaftsgut ist steckengeblieben und hat leichte 180 Grad Schlagseite?"

(Poch, Poch, Poch) Fritz hielt die Sprechmuschel zu und rief über das Sprechgerät

"Ein Glas Wasser, Schnell!"

Zurück am Telefon

"Sie meinen Wirtschaftsgut oder Wirtschaftsgut? - Oh, die Sorte Wirtschaftsgut meinen Sie. Verflixt!"

Lore Müller kam mit dem Wasser. Er hielt den Hörer wieder zu.

"Wenn die Rufbereitschaft gekommen ist, sagen Sie denen sie sollen in den nächsten Tagen mal vorbeigehen, beim Kanal von dem da"

Er zeigte auf den Hörer.

"Herr Vorstandsvorsitzender? Ja, geht in Ordnung. Wir kümmern uns drum. Keine Sorge. Hat eigentlich die Presse .. - Ja, ja, ich weiß! War `ne dumme Frage; so eine Angewohnheit. Sie wissen schon. Na dann alles Gute. - Ja? Noch etwas? - Ihr Tank Nummer 87b für spezielle Reste zeigt starke Verluste und knittert nach innen? - Oh verdammt! - Seit halb Acht?"

Die Aspirin glitschte ins Glas.

Sprechtaste

"Schicken Sie mal jemand von K zum Tankfeld von dem da. Er zeigte wieder auf den Hörer obwohl niemand das sehen konnte.

"Kein Grund zur Aufregung Herr Vorstandsvorsitzender, schon alles in die Wege geleitet. - Ja. - Danke - Verehrung an die Frau Gemahlin - Auf Wiederhören."

Schnaufend ließ er sich in die Polster zurückfallen. Jetzt erst bemerkte er das schweißnasse Hemd. Wollte man ihn heute fertig machen, oder was war los? Das gab es doch alles gar nicht! Ruhig, Fritz, ruhig. Die Hand wanderte langsam noch leicht zittrig zum Glas.

Er hatte es fast erreicht - da fiel es um. Vor seinen Augen. Einfach so. Das Aspirinwasser platschte auf seine Hose. Die Nadelstreifen schäumten noch ein wenig.

Sekundenlang starrte er auf die Stelle wo das Glas gestanden hatte. Dann schwoll der Hals und färbte sich erst rosa, dann dunkel violett.

Taste!

"Wasser, aber fix"

".. und Aspirin"

"Holen Sie den Pressesprecher ran, den Dingsda!"

"Dann pfeifen Sie ihn doch aus dem Bett, verdammt noch mal! Was ist das für ein Saftladen da vorn. - Ach seien Sie doch nicht so zickig!"

Die Sprechtaste schnellte nach oben. Er gestikulierte wild umher. Schon ging das Sprechgerät erneut.

"M11, E22, W17, K11, A6, P83, ML, E2E4 und das ZK sind alle gleichzeitig an der Leitung, Sir. Oh! Nun noch K31,32,33 und 34, KL, V und 007. Es kommen immer mehr! Wen wollen Sie zuerst, Sir?"

Fritz schnaufte

"Ja, was zum Teufel ist denn heute los?

Zuerst will ich das Wasser, dann das Aspirin und dann, dann, .. geben Sie W17 nochmal."

"W17, was macht ihr Ei auf K-Süd? - Was? - Wiederholen Sie!"

"Nun Sir. Nur noch zwei von den Dingern stehen. Halbwegs jedenfalls. Aber viel Schlimmer: Die Süderelbe ist vor einer Viertelstunde ganz plötzlich abgebogen und rauscht nun durch die alte Süderelbe, Ihr Lieblingsprojekt, Sir! Die Sanfte-Tide-Betonrohre hat es einfach hinweggeputzt. Der Köhlbrand hat sich stark eingeengt, Sir. So auf drei bis vier Meter. Dadurch ist die African-Cargo mit 80.000t Quecksilbererz und Kakaopulver eingequetscht worden und die Horrible-Benzin ist ihr mit 40.000t Trafoöl hinten reingefahren. Sechs Schotten weit. Bis zur Mannschaftstoilette.

Gerade kam übrigens ein Anruf aus Waltershof, Sir: Zwischen den Containern wachsen Krokusse und Sumpfdotterblumen aus dem Beton."

"Mann, was reden Sie für einen Stuss? Elbe abgebogen! Trafoöl! Krokusse! - Sind Sie krank Mann?"

"Nein Sir, und Schachtelhalm."

"Seid Ihr denn alle besoffen, da drüben? - Sehen Sie zu, daß in der nächsten halben Stunde alles wieder im Lot ist."

Der Hörer fiel schwer auf die Gabel.

Er presste die Hände gegen die Stirn, da war auch schon wieder die Stimme von Frau Müller zu vernehmen.

"Es werden immer mehr, Sir! Ich kann mich kaum noch vor Anrufen retten!"

"Ja, ja! Wo bleibt mein Wasser?"

brüllte er nach vorn, zum Vorzimmer, um sich gleichzeitig durch das aschgraue klitschnasse Haar zu streifen.

"Konferenzschaltung!"

hechelte er durch den Sprechapparat.

Mein Gott! Was war los. Was war das für ein Beruf? "SV" zu sein war wirklich nicht leicht.

"K26? Rufbereitschaft? Was war da bei Firma.. - na, die mit den Tanks und dem Giftmüllschiff? Haben Sie was raus gekriegt?"

" Ja, nun Sir. Im ganzen Hafenbereich knittert ein Tank nach dem anderen. Als ob da jemand mit Riesendurst ein Ding nach dem anderen auslutscht. Wie mit `nem Strohhalm. - Plong - Leer! Die Schute mit dem Giftmüll (war ne harmlose Dioxin-Cadmium-Mischung, völlig ungefährlich), die ist verschwunden - verschluckt. K912 hat beim Ortstermin noch ein mahlendes Geräusch gehört. Jedenfalls weg! Wohin wissen wir nicht."

"Hallo, hier NL, Naturschutzamt. Sir! Überall im Hafen sprießt auf einem mal das Grünzeug, das Unkraut, Sie wissen schon. Auch der Reiherstieg ist schon völlig verkrautet. Froschlöffel oder so. Wir haben alle Stadtplaner mit der Giftspritze rausgeschickt. Nützt nichts. Wir spritzen wie der Teufel. Ja, und Krabbeltiere sind auch da. Eklige Dinger."

Fritz faßte sich an die Schläfen. Die Schlagadern pulsierten heftig.

"Rufen Sie doch bei Firma Rentokil an, die schaffen das."

rief er ins Telefon.

"Au ja", sagte NL vom Naturschutzamt. "Aber apropos Rentokil, Sir. Die Grindelhochhäuser haben alle acht Beine bekommen und laufen nun stadtauswärts."

Fritz starrt glasig zum Fenster hinaus

Draußen wölbte sich der Straßenbelag nach oben und zwischen Steinen und Asphalt quoll ein riesiger Dreckhügel nach oben. Eine Mischung aus Georgswerder-Zeugs, Wirtschaftsgütern und Hafenschlick. 20 bis 30 schwarz-rot-lila gestreifte Mountainbikefahrer schossen johlend um den neuen wachsenden Hügel herum.

Die 3. Aspirin versank im Glas.

Er schloß die Augen. Den aufkommenden Brechreiz konnte er gerade noch wegdrücken.

"Sir! Die Bohrlöcher in Stellingen atmen jetzt." Die Stimme von W12 drang an sein Ohr. "Regelmäßig Sir."

Draußen formte sich aus dem wachsenden Dreckhügel, der schon über das Behördenobergeschoß hinausragte, eine Öffnung, ein Mund, eine Fratze. Fritz glaubte den Anflug eines höhnischen Grinsens entdeckt zu haben. Ein feiner Strahl einer ölig-schwarz-orangen Soße traf sein Fenster und rann schleimig vor seinen Augen das Glas hinunter. Durch die Fensterritzen drang ein bestialischer Gestank.

Lore Müller blickte hinein.

"Am Telefon ist ein gewisser Eugen. Er behauptet er habe japanische Interessenten für den Bau eines High-Tech-Superterminals am neuen Elbeschnellweg. Ob Einwände vorlägen?"

Rechts neben ihr wölbte sich die gepolsterte Doppeltür nach innen und gab berstend nach. Eine Horde Pressejournalisten brandete herein. Fotoapparate blitzten, dicke gelbe Bleistifte kritzelten aufgeregt und große gestreifte Mikrofon drangen zu ihm vor.

"Sir", rief nun W12, "Die Bohrlöcher holen Luft! Ganz viel Luft!"

Fritz sah den Pressesprecher hineinschlurfen, auf sich zukommen und sah wie das Aspirinwasser in einem Schluck verschwand.

Bunte Kringel tanzten vor seinen Augen.

In der Nordostecke seines Mahagonischreibtisches begann gerade eine horde roter Waldameisen mit der Brandrodung.

Er sprang auf und wandte sich ab. Er spürte eine Träne hinunterkullern.

Er stand nun dicht am Fenster.

Der Berg hatte dicke riesige Backen, die sich blähten. Ein spitzes Maul formte sich und mit einem Schlag donnerte ein dicker, stinkender, braun-lila-orange-türkis-tuttifrutti gefärbter Strahl auf ihn zu. Kleine Schutenstückchen prasselten gegen die Außenwand. Glas splitterte. Ein grauenvoller Rülpser erfüllte die Luft.

Fritz taumelte, fiel und fiel und fiel

"Neiiiiin!!!"

Fritz schreckte hoch

Schweißnaß saß er im Bett. Haare zerzaust. Der Pyjama klebte.

Ein Alptraum

Der Kopf pochte.

Vorsichtig stand er auf und wankte zur Gardine und spähte hinaus.

Bleiern grau lag dieser Morgen vor ihm. Ein leichter Nieselregen trällerte gegen die Scheiben und ließ die Welt durch die klebrigen Schlieren noch trübseliger aussehen, als sie nach dem Gefühl schon war. Dumpfes Pochen im Hinterkopf, ein feines Singen im Ohr.

Vorne, in der Haustür wurde gerade die Zeitung durch den Schlitz gesteckt.

Er schlurfte hin.

Mit fiebrigem Blick las er die Schlagzeile

WIDERSTAND IN ALTENWERDER


aus KONKURSE 2, 1993


[nach oben]


Januar 1999