Umweltschutzgruppe Physik-Geowissenschaften


Elbvertiefung

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Rettet-die-Elbe

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Wie Pfeffersäcke Salami schneiden

Die Stadt Hamburg plant erneut eine Elbvertiefung. Der Hafen müsse auch für die größten Containerschiffe tide-unabhängig erreichbar sein, so das alte Credo der Hamburger Hafenwirtschaft. Anders gesagt: für eine verschwindend geringe Anzahl Schiffe pro Jahr mehr, die durch die Tide behindert würden, und entgegen einem sinnvolleren, überregionalen Konzept zur Vernetzung mit Tiefseehäfen an der Küste, nimmt Hamburg in Kauf, dass die Unterelbe weiter von einem für Mensch und Natur wichtigen Lebensraum zu einem stumpfen Kanal und Verkehrsweg umgebaut wird.

Ökologische Auswirkungen der sogenannten Fahrrinnenanpassung auf die Unterelbe wurden behördlicherseits nun im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsuntersuchung (UVU) begutachtet. Das Ergebnis in allen Punkten: keine oder nur geringe Schäden. War ja klar. Das Argumentationsschema ist häufig die Salami-Taktik: Weil ja schon große Schädigungen da sind, seien die nun geplanten Massnahmen relativ harmlos.

Wir haben uns einen kleinen Teil der Unterlagen genauer angesehen und bereits erhebliche Mängel festgestellt! Hier der Text unserer Einwendung an die Planfeststellungsbehörde vom 30.4.2007:

Einwendung

Gegen das Vorhaben einer Fahrrinnenanpassung (Elbvertiefung) von Unter- und Außenelbe erheben wir hiermit Einspruch aus den folgenden Gründen:

1. Grundsätzlich zu bemängeln ist die Tatsache, dass zunächst die Vorhersagen bei der letzten (den letzten) Elbvertiefung(en) hinsichtlich der Umweltverträglichkeit nicht auf die tatsächlich eingetretenen Situationen hin verifiziert worden sind, um so dem Vorhersagemodell ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit beiseite zu stellen. Wir stellen fest, dass nur wieder erneut auf Basis alter Daten eine gutachterliche Vorhersage getroffen worden ist, die letztlich nur auf dem Vertrauen gegenüber den fachlichen Kenntnissen des Gutachters begründet ist. Ein Vergleich zwischen früheren Vorhersagen und den realen Veränderungen ergäbe die Möglichkeit, das Vorhersagemodell zu korrigieren.

Die UVU ist abzulehnen, weil ein Vergleich der tatsächlich erfolgten Veränderungen an der Elbe mit den Vorhersagen der UVU der letzten Elbvertiefung nicht erfolgt ist. Das Verfahren ist auszusetzen und eine entsprechende Untersuchung ist nachzuliefern.


2. Wir halten die Datengrundlage zur Bewertung der sedimentären Auswirkungen für ungeeignet.
Laut Gutachter (H,2b Punkt 4.2.2.1.1) sind die Bewertungsdaten aus einem heterogen gewonnenen Datensatz verschiedener Institutionen zu unterschiedlichen Anlässen und sogar mit unterschiedlichen Analytikverfahren genommen worden. Ein einheitlicher Datensatz liegt nicht vor und ist im Zusammenhang einer UVU für dieses Vorhaben nicht gewonnen worden. Neue Daten im Rahmen dieser Untersuchung scheinen nicht genommen worden zu sein. Die Daten wurden offenkundig nur statistisch abgeglichen und scheinbar für den gutachterlichen Vergleich „glatt gerechnet“. Da in den Zeitraum seit der letzten Elbvertiefung auch die drastischen Veränderungen der Schwermetalleinträge im Oberlauf der Elbe fallen, ist ein einheitliches Sample um so notwendiger, um eine verlässliche Vorhersage zu treffen. (Vergleiche hierzu z.B. Kupfer im 1. Absatz H.2b, S.42). Die Erstellung des Gutachtens mit einem solchen Mischmasch-Datensatz lässt generell an dessen Eignung zweifeln.

Aussagen zur Umweltverträglichkeit der geplanten Elbvertiefungsmaßnahmen sind aufgrund der völlig unzureichenden Datenbasis nicht zu treffen. Eine aktuelle und unbedingt notwendige neue Untersuchung der Sedimentbeschaffenheit liegt nicht vor. Die ausgelegten Unterlagen sind somit fehlerhaft und müssen zurückgewiesen werden.


3. Die Ablagerungsflächen, gerade im Bereich unterhalb Hamburgs, sind ungeeignet. Überwiegend ist geplant, die gebaggerten Sedimente im Bereich der dortigen Wattzonen (Wittenbergen, Wisch, Hetlingen, u.a.) abzulagern. Die Elbe ist ursprünglich ein Fluss mit breiten Überspülungsflächen gewesen. Im Wege der zunehmenden Industrialisierung wurde die Deichlinie immer weiter an den Hauptstrom herangezogen und Wattflächen fielen zunehmend weg. Gerade aber die breiten Watten spielen bei einem stark belasteten Fluss wie der Elbe eine ökologisch entscheidende Rolle. Reinigungsfunktionen und biologische Vielfalt sind für die Elbe hier von entscheidender Bedeutung. Nun ist geplant, diesen Wattflächen erneut eine ökologische Keule zu verpassen. Wie im Sedimentgutachten ausgeführt, haben sich Schadstoffe gerade im Bereich ab Hamburg auf sehr hohe Anreicherungsfaktoren in den Flusssedimenten verstärkt. Cadmium beispielsweise ist auf bis zu 30-fach gegenüber unbelasteten Sedimenten angereichert. Gerade diese Sedimente mit den hohen Hamburger Schadstoffmengen plant man nun in die Watten zu verbringen. Die Aufgaben der Flusswatten würden durch diese Aufbringungen erheblich geschädigt und die ökologische Funktionalität drastisch verringert werden.

Aufgrund ungeeigneter, die Ökologie des Elberaums erheblich schädigender Ablagerungsflächen ist dieses Verfahren abzulehnen.


4. Das veränderte Fließverhalten der Elbe nach einem solchen Vertiefungseingriff hat erhebliche Auswirkungen auf die Ablagerung von Schadstoffen, die nach wie vor beständig aus dem Oberlauf bzw. dem Hamburger Industrieraum nachfließen. Wie die Grafiken des Sedimentgutachtens zeigen (Abb. 4.5 (Zink), 4.8 (Cadmium), 4.10 (Quecksilber), 4.12 (Kupfer), 4.14 (Blei) und 4.16 (Chrom)), nehmen die Gehalte ab Hamburg z.T. exponentiell ab und nach gutachterlicher Aussage werden nach der Baggerung gerade im Bereich unterhalb Hamburgs Veränderungen sichtbar werden. Nun zeigen diese Abbildungen, aber auch die Abb. 4.18 (Nickel) und 4.20 (Arsen), dass offenbar die Datengrundlage nur die halbe Wahrheit über die Schwermetallbelastung des Elbsediments darstellt:
Im Bereich der Stromkilometer 640-680 werden verstärkt scheinbar außergewöhnlich hohe „Ausreißer“ in den Daten beobachtet (siehe besonders As, Pb, Zn). Diese Bereiche sind jedoch gerade die Brackwasserbereiche in denen auch besonders turbulente Wasserbewegungen infolge der Tideumkehr zu beobachten sind. Der Schluss liegt daher nahe, dass die turbulenten Verwirbelungen andere Sedimentkörper freilegen, in denen sich Schadstoffe viel lieber ablagern als in den Bereichen in denen die probenehmenden Gutachter gerne graben. Ein Vermerk in Richtung unseres Punktes 2 sei an dieser Stelle deutlich hervorgehoben. Eine Konsequenz dieser Tatsache ist, dass eine deutlich höhere Schadstoffmenge in die Verbringungszonen verfrachtet würde und eine erheblich höhere Schädigung der dortigen Bereiche zu erwarten ist. Dies verstärkt unsere Vorbehalte gegen das Vorhaben.

Die der UVU zugrunde liegenden Annahmen über die Ausbreitung von Schadstoffen sind ungeeignet, um die tatsächliche Schadstoffsituation zu beurteilen, da wesentliche Prozesse nicht verstanden und unbekannt sind.


5. Wir sehen in der geplanten Elbvertiefung eine Verschlechterung des Grundwassers dort, wo durch die Baggerungen undurchlässige oder geringdurchlässige Schichten durchtrennt werden. Dort kann Elbwasser in die Grundwasserschichten eindringen und sowohl hydraulische Grundparameter als auch die Grundwasserbeschaffenheit verändern. Mit Verärgerung haben wir die fatalistische Auffassung der Gutachter registriert, frühere Elbvertiefungen hätten bereits durchgehend einen Kontakt zum Grundwasser hergestellt und dieses Vorhaben habe nur „lokale Bedeutung“. Einer derartigen Sichtweise der „Salamitaktik“ kann nicht scharf genug widersprochen werden. Mit jeder Elbvertiefung den Grundwasserkontakt immer nur um ein kleines Stückchen zu vergrößern, was ja nur lokale Bedeutung habe, entbehrt jeder ökologischen Betrachtungsweise. Wir sind der Meinung, dieses Baggerverfahren vergrößert wieder einmal mehr den Anteil der zum Grundwasser offenen Kontaktstellen des Elbwasserkörpers. Auch ein Kontakt zu tiefer liegenden Grundwasserstockwerken ist dadurch wahrscheinlich. Eine Verschlechterung des Grundwassers ist zwingend zu erwarten und kann nicht mehr toleriert werden. Aufgrund der veränderten Ablagerung von Schadstoffen (Schwermetalle und organische Schadstoffe) ist - anders als im Gutachten H2 prognostiziert - im Bereich unterhalb Hamburgs mit einer Verschlechterung der Grundwasserbeschaffenheit zu rechnen. Gerade hier finden sich jedoch eine Reihe sehr sensibler Grundwasserbrunnen. Im Brackwasserbereich der Elbe, der sich weiter an Hamburg heran verschoben hat, ist zudem mit einer erhöhten Versalzung des Grundwassers zu rechnen.

Die UVU berücksichtigt nicht, dass bereits durch vorherige Elbvertiefungen die Grundwassersituation aus einer ökologischen Gesamtbetrachtung heraus erheblich vorbelastet wurde. Eine weitere Verschlechterung kann nicht mehr hingenommen werden.


6. Geradezu grotesk (oder schon zynisch?) ist die Aussage zur Sturmflutprognose ausgehend von diesem Vorhaben. Zit.:“Unbestritten haben Fahrrinnenvertiefungen in der Unterelbe einen gewissen Beitrag zur Vergrößerung des Tidehubs geleistet.“ Da sind wir aber froh, dass die Planfeststellungsbehörde so generös ist und den Gewissen Beitrag höheren Sturmflutständen zugeben mag, wo sie doch sonst alles verleugnet, was ihr geplantes Vorhaben gefährden kann. Der „gewisse Beitrag“ hat immerhin 1962 über 300 Hamburgern das Leben gekostet und 1972 lief der „gewisse Beitrag“ auf fast 6m über NN auf. Dazwischen ist schon wieder kräftig gebaggert worden und nur mit Glück ist der „gewisse Beitrag“ innerhalb der Deiche geblieben. Angesichts einer sich global verändernden Klimasituation und einem erhöhten zur Nordsee offenen Flussquerschnitt muss ein lediglich um 2 cm höherer Sturmflutpegel bezweifelt werden. Allein die Komplexität des Vorhabens lässt eine scheinbare berechnete Zentimeter-Genauigkeit der Vorhersagen nicht zu. Je stärker die Flüsse kanalisiert wurden, um so unberechenbarer haben sich z.B. Donau, Rhein, Elbe und Oder gezeigt. Bereits das erwähnte Zitat widerlegt das Wunschdenken und die Rechnungen zu den erhöhten Fließgeschwindigkeiten nach den Baggerarbeiten zeigt ebenso, dass die Gefahr deutlich höherer Sturmflutpegel wahrscheinlicher wird.

Die Annahmen aus dem Sturmflut-Modell werden von uns bezweifelt. Nach unseren Erfahrungen haben alle bisherigen Flusskanalisierungen und –vertiefungen deutliche Auswirkungen gezeigt.


7. Der wirtschaftliche Nutzen einer derartig aufwändigen Elbvertiefung wird bezweifelt. Analysen der Schiffsbewegungen nach und von Hamburg haben gezeigt, dass nur ein Bruchteil sehr großer Schiffe im voll beladenen Zustand eine derartige Wassertiefe benötigt hätte. In der Regel sammeln Containerschiffe in den großen europäischen Seehäfen ihre Fracht zusammen, ehe sie auf größere Fahrt nach Fernost oder anderen entfernten Häfen abgehen. Der Anteil an Containerschiffen, der Hamburg aufgrund der nicht vorhandenen gegenwärtigen Wassertiefe nicht anlaufen kann, liegt jährlich vermutlich unter 10. Ein derartig kostspieliges und ökologisch schädliches Vorhaben ist für eine derart geringe Anzahl von Schiffen nicht zu akzeptieren. Ausweichhäfen für diese Schiffe existieren im europäischen Verbund ausreichend und diese kleine Zahl von Schiffen kann Hamburgs Position im Containerumschlag nicht gefährden.

Wirtschaftlichkeit und Sinnhaftigkeit der Maßnahme sind höchst fragwürdig. Sinnvoll ist einzig ein Konzept zur Zusammenarbeit aller Nordsee-Häfen.


Wir protestieren im Übrigen dagegen, dass Planfeststellungsbehörde und Antragstellerin ein und dieselbe Institution darstellt und absolut keine Objektivität diesem Verfahren gegenüber gewährleisten kann. Wäre dieses Verfahren eine „demokratische Wahl“ im Herzen Afrikas, würde es von „Neutralen Beobachtern“ zwingend als undemokratisch und mit ernst zu nehmenden Wahlbehinderungen verurteilt werden.

Umweltschutzgruppe Physik-Geowissenschaften



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Mai 2007